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Begegnung

Schloß und Park Tiefurt - es sind keine anderen Besucher da, an diesem Vormittag im Frühsommer. Als Schloß kann man den kleinen Sommersitz eigentlich gar nicht bezeichnen. Wir gehen durch die Räume, d.h. wir werden geführt. Als junger Mann ist Goethe oft hier gewesen, es wurden Theaterstücke gespielt, die Schauspielerin Corona Schröter war dabei. “Nein, es gab kein Verhältnis zwischen den beiden”, teilt die Schloßführerin mit absoluter Sicherheit mit. So? Sie sieht gar nicht so alt aus, als ob sie dabei gewesen sein könnte. “Davon ist nichts überliefert! Vielleicht hat sie ihn besonders verehrt, vielleicht sogar heimlich geliebt, aber er, nein!” Doch selbst wenn, dürfte das für einen derart (um es nett zu formulieren) “ehrgeizigen” jungen Mann kein Grund gewesen sein, seine Zukunftspläne wegen einer Schauspielerin aufzugeben. Wir diskutieren lange und eingehend darüber. “Seine Beziehung zu Frau von Stein war natürlich auch nur platonisch”, beteuert die Schloßführerin. - Na dann, bei Ulrike von Levetzow hätte ich es mir ja noch einreden lassen.

Im Park.
Mehr als zwei Stunden gehen wir spazieren, über die hölzerne Brücke, dann am anderen Ufer des Flusses entlang. Von weitem kann man immer wieder das Teehaus sehen, die ganze Zeit sitzt eine Frau auf der Bank davor. Sie sieht ständig zu uns hinüber. Wahrscheinlich hat man aber immer das Gefühl, daß sich der Blick auf einen richtet, wenn sich jemand in einiger Entfernung befindet - ganz normal. Nachdem wir am Musentempel waren, gehen wir den Weg zum Teehaus. Die Frau sitzt noch immer dort, sie hat den Kopf jetzt gesenkt. Als wir näher kommen sehen wir zu ihr hin, um zu grüßen. Sie blickt erst auf, als wir direkt an ihr vorübergehen. Langsam und durchdringend richtet sie Ihre Augen auf uns. Die Konturen ihres Gesichtes wirken verschwommen - ganz normal - ihr Make-up (trägt sie welches?) ist wie zerflossen, schließlich hat sie lange in der prallen Sonne gesessen. Sie hat unglaubliche Ähnlichkeit mit Corona Schröter. Ihr Blick ist nicht direkt feindselig, aber er spiegelt einen nach Schmerz empfundenen Triumph. Ihre Augen scheinen zu sagen: "JETZT gehört mir dieser Ort. ICH bin noch da!" - Wir gehen vorüber, haben nicht gegrüßt, auch nicht gesprochen für einige Sekunden. Dann bleiben wir stehen und stellen fest, daß wir den merkwürdigen Eindruck gleichermaßen empfunden haben. Ich gehe zurück, die Bank ist leer - ganz normal - wer so lange in der Sonne gesessen hat, geht natürlich irgendwann.
Das Teehaus ist verschlossen, auf den Wegen, die weit einzusehen sind, ist niemand zu sehen....