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Der deutsche Umgang mit Geschichte

Im Deutschunterricht dient "Das Tagebuch der Anne Frank" als Lesestoff und anhand dessen sollen der Zweite Weltkrieg, Kriegsverbrechen und der Holocaust thematisiert werden. Das scheint in deutschen Landen aber immer noch recht schwierig zu sein. Die Schüler waren interessiert, sich einen Film anzusehen. Darum nahm unsere Tochter den Film "Music Box - Die ganze Wahrheit" mit zur Schule, welcher sie sehr berührt hat. Die Lehrerin lehnte den Film allerdings ab, da er "nicht wirklich" etwas mit dem Thema zu tun habe! Womöglich, weil es darin nicht explizit um deutsche Nazi-Verbrechen geht, da ist man schließlich sehr eigen, deutsche Gründlichkeit und so...

Jedenfalls favorisierte die Lehrerin einen von ihr mitgebrachten Film: "Das Wunder von Bern". So geht Geschichtsunterricht 2018. Die Deutschen waren die eigentlich Leidtragenden des Zweiten Weltkrieges, aber der Fußball hat sie wieder aufgerichtet. Was sind schon Kriegsverbrechen und ein industrialisierter Genozid gegen schwer traumatisierte Spätheimkehrer!

Ein solcher Umgang mit Geschichte kann übrigens zu einem Déjà-vu führen. O-Ton 1913: "Darauf hielt der Lehrer einen Vortrag über Preußens Erniedrigung und über den im preußischen Volke anbrechenden Frühlingssturm. Gedichte, welche an jene Zeit erinnerten und Vaterlandslieder wurden abwechselnd vorgetragen."

Man sollte von eine Gymnasiallehrerin im Jahre 2018 doch zumindest erwarten können, daß sie intellektuell in der Lage ist, geschichtliche Vorgänge im richtigen Kontext zu sehen und zu vermitteln. Es gibt übrigens noch eine ganze Reihe guter Filme, die man hätte verwenden können. Um nur einige zu nennen: "Ein Lied von Liebe und Tod - Gloomy Sunday", "Schindlers Liste", "Reise der Verdammten", "Der Stellvertreter" oder "Ein ganz gewöhnlicher Jude". Vermutlich sind die aber alle „nicht hilfreich“...

Die Antwort der Lehrerin auf die Frage, warum sie den Film "Das Wunder von Bern" für passender halte, fand unsere Tochter übrigens auch nicht hilfreich, denn sie bestand in der Aussage: "Ich möchte die "Diskussion" jetzt gerne beenden". Das Thema der nächsten Stunde lautete: "Erörtern und Argumentieren", was in der Berufsausbildung für Lehrer offensichtlich zu kurz kommt.

Das Problem der Argumentationsunfähigkeit- bzw. Unwilligkeit hinsichtlich dieses Themas sitzt allgemein jedoch wesentlich tiefer und tritt immer wieder zutage. Man möchte, wie im Film "Music Box - Die ganze Wahrheit", nicht damit konfrontiert werden, darum werden Ursache und Wirkung bis heute nicht klar definiert. Deutsche (außer die in Nürnberg verurteilten natürlich, denn da führt kein Weg dran vorbei) können gar keine Kriegsverbrecher gewesen sein, maximal haben sie sich dem Druck gebeugt und mußten dafür im NKWD-Lager oder in der Kriegsgefangenschaft unendlich leiden. Natürlich sind solche Schutzinterpretationen psychologisch durchaus verständlich. Wer möchte sich schon eingestehen, daß es eventuell Nazis und Kriegsverbrecher in der Familie gab. Obige Schul-Szene ist darum Anlaß, um einen gern bemühten "Schuldvergleich" näher zu betrachten, der, neben den Flächenbombardements der westlichen Alliierten, dem Rheinwiesenlager und den ostpreußischen und schlesischen Flüchtlingsschicksalen, immer wieder mal auftaucht - die NKWD-Lager.

So liest man bisweilen auf ganz normalen Blogs Sätze wie: "Bis heute herrscht die Vorstellung vor, es seien vor allem NS-"Verstrickte", also Täter, dort (Anmerkung: in den NKWD-Lagern) umgekommen."

Eine interessante Formulierung: Die Täter haben sich also irgendwie und ganz aus Versehen in den Stricken der NS-Ideologie verfangen. Noch dazu sollen nicht "vor allem" derart "verstrickte" Täter in den Lagern gewesen sein, sondern, wie damit suggeriert wird, "vor allem" völlig harmlose Gestalten. Denn (Zitat eines anderen Autors): "Die Baracken füllten sich mit Sozialdemokraten, Bauern, Jugendlichen, die westlich eingestellt waren, mit Sowjetgegnern und ehemaligen Nazis."

So, so, Nazis waren auch dabei. Wo sind die denn hergekommen? Es ist nun mal keine "Vorstellung" - der überwiegende Teil der Inhaftierten war wegen seiner Nazivergangenheit dort. In die NKWD-Lager wurde ein wesentlich höherer Personenkreis verbracht als in die Internierungslager der westlichen Besatzungszonen und es erfolgten auch willkürliche Verhaftungen, das ist richtig. Ändert aber nichts daran, daß die Internierungslager im Zuge der Entnazifizierung in allen Besatzungszonen für kleinere und mittlere NS-Funktionäre (Ortsgruppenführer u.s.w.) eingerichtet wurden und solche dort auch überwiegend inhaftiert waren.

Schließlich mangelte es nicht an Funktionären. Wie viele Blockwarte, Orts- und Bauernführer etc. hat es gegeben, wie viel Denunzianten, wie viel Zugführer und Bewachungspersonal "nur" der Auschwitztransporte und wie viele KZ-Wächter? Bis 1944 entstanden 22 Konzentrationslager mit über 1.200 Außen- und Nebenlagern. Mit jeweils wie viel "Personal"? Wo sind die alle geblieben? Alles Aliens, die wieder abgeflogen sind? So scheint sich das mancher gern vorstellen zu wollen.

Teilweise finden auch merkwürdige "Zahlenspiele" statt: "Bis 1950 war das KZ Buchenwald (Anmerkung: als NKWD-Lager) ein völlig von der Außenwelt getrennter Ort, in dem 28.000 Menschen dahinvegetierten, von denen 7000 starben oder getötet wurden. Das entspricht so in etwa der Todesquote der Nazis."

Sicher, wenn man in "Todesquoten" denkt, lagen die Nazis in dem Fall sogar "noch drunter". Buchenwald war von 1937 bis 1945 Konzentrationslager. Auf dem Ettersberg und in den Außenlagern wurden in dieser Zeit über 250.000 Menschen inhaftiert. Mehr als 56.000 starben an Folter und medizinischen Experimenten. Allein 8.000 russische Kriegsgefangene wurden in einer eigens errichteten Tötungsanlage erschossen.

Das NKWD-Lager Buchenwald bestand von 1945 bis 1950 mit 28.000 Inhaftierten (halb so viel Gefangene wie Tote des KZ). Etwa ein Drittel davon kehrte nicht zurück. Von diesen starben mehr als 7.000 im Winter 1946/47 an den Folgen von Hungerkrankheiten, andere wurden in Schnellverfahren abgeurteilt und erschossen oder zur Zwangsarbeit nach Sibirien gebracht.

Daß es auch einige Unschuldige getroffen hat, keine Frage. Kriegs- und Nachkriegszeiten garantieren nicht unbedingt Gerechtigkeit. Und selbst die persönliche Trauer um die Täter bleibt jedem unbenommen. Doch niemals sollten Ursache und Wirkung verwechselt werden. Einer meiner Onkel war als einfacher Soldat an der Ostfront. Man erzählte mir, daß er, der sonst ein fröhlicher, übermütiger Typ war, bei einem Weihnachtsurlaub kaum noch gesprochen hat. Er saß still und in sich gekehrt, sagte nur, daß sich niemand vorstellen könne, was auf dem Vormarsch geschehen sei, was er alles gesehen hat, und fügte hinzu: "Gott Gnade uns allen, wenn es einmal anders kommen sollte."

Jene, die versuchen Kriegsverbrechen und Holocaust mit der Existenz der NKWD-Lager zu vergleichen, sind beispielhaft für die Gesinnung der allgemeinen Unschuld, die bis heute vorhält. Und sie vergessen nur zu gern eine Tatsache: Die Internierungslager waren eine Erwiderung! auf den Nationalsozialismus, die Konzentrationslager waren SEIN WERK!

In einer Szene des Films "Drei Schwestern Made in Germany" wird diese typisch deutsche Unschuldsgesinnung auf den Punkt gebracht. Die Honoratioren einer deutschen Kleinstadt klagen darüber, welchen "furchtbaren Repressionen" sie während der NS-Zeit ausgeliefert waren, worauf ein Jude antwortet: "Wenn man Sie so erzählen hört, bekommt man fast ein schlechtes Gewissen, weil man nur im KZ war."

Aber zurück zum Eingangstext: Eine Lehrerin, der zum Thema Zweiter Weltkrieg, Kriegsverbrechen und Holocaust nichts anderes einfällt als "Das Wunder von Bern", hat etwas Grundlegendes nicht verstanden: Daß Schuld immer eine persönliche Schuld ist - und nicht übertragbar. Daß aber durchaus eine eigene Schuld entstehen kann, wenn man sich der Reflexion der Geschichte verweigert. Beispielsweise indem im Jahre 2018 gelehrt wird, wie Fußball die deutschen Generationen wieder geeint hat - und nicht etwa, daß es Kriegsverbrecher und Nazis gab, deren Schuld heutige Generationen zwar nicht tragen, aber unbedingt erkennen müssen, um sich davon zu emanzipieren.