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Dichtung und Wahrheit

(Quelle: Wikimedia Commons) Um es vorweg zu nehmen, es geht nicht um Goethes autobiografische Aufzeichnungen, sondern schlicht um Gedichte. Für ein Gedicht verwendet man in klassischer Form ein Versmaß und den Reim. Letzterer muß nicht sein, doch eine rhythmische Gliederung sollte schon berücksichtigt werden. In neuerer Zeit ist man jedoch in der Lyrik überwiegend zum sogenannten “freien Vers” übergegangen. Mehr noch, Rhythmus und vor allem der Reim sind geradezu verpönt. Und warum? Weil es eben nicht so einfach ist, ein Gedicht in rhythmischem Klang und dazu noch verständlich und ansprechend zu schreiben. Das war es früher allerdings auch nicht, eben darum gab es Dichter! Doch heutzutage macht man vor nichts halt, um es sich anzueignen und es zu entstellen, schon gar nicht vor der Lyrik. Schließlich kann man die neueste Technik "beherrschen" und in kürzester Zeit die Welt umrunden, da ist es doch ein Leichtes, sich ein paar Worte aus dem Ärmel zu schütteln. Und genau danach sieht es dann auch oftmals aus, das heutige Gedicht:

regen   naß   hund   schwarz   regen   pfütze   wuff

Mit arroganter Unverfrorenheit wird der Leser genötigt, über solchen Schwachsinn und damit darüber zu sinnieren, worauf sich “schwarz” bezieht. Auf den Regen, den Hund oder die Situation? Immerhin steht das Wort in der Mitte, der Bezug zum Regen erscheint zweimal vorher und zweimal danach, auf den Hund wird je einmal davor und dahinter Bezug genommen. Welch unglaublich tiefer Sinn mag wohl darin verborgen sein....

Es gibt natürlich auch weniger extreme Beispiele. Nichtsdestotrotz steht der freie Vers der Prosa näher als der Lyrik und manchmal leider noch nicht einmal das. Prosaisch, im Sinne von phantasie- und emotionslos, wirkt er auf alle Fälle, selbst wenn dem Geschriebenen Emotionen zugrunde liegen. Es bleibt natürlich jedem unbenommen wie er seinen Gedanken und Gefühlen Ausdruck verleiht. Allerdings sollte man diese Ausdrucksformen dann auch als das bezeichnen was sie sind: Gedankenfetzen - dann ist daran nichts auszusetzen...

Der Grund warum Versmaß und Reim in Mißkredit gefallen sind, ist also schlichtweg das Wollen, aber nicht können der Mehrheit. Da sich die Mehrheit aber dennoch zu allem befähigt fühlt, gibt ihre Meinung den Ausschlag und ratzfatz wird ein neuer Lyrikhimmel kreiert. Wohlgemerkt, nicht jedes Gedicht in klassischer Form muß unbedingt gelungen sein und gefallen; auch Goethe hat Zeilen geschrieben, die alles andere als intellektuelle und lyrische Glanzlichter sind. Jedoch diese Form, der die Menschheit über Jahrhunderte wunderbare lyrische Schätze verdankt für veraltet, ja quasi für nicht mehr zulässig zu erklären, ist der Gipfel ignoranter Dummheit.

Nicht mehr zulässig, ganz recht. Kürzlich las ich einen Bericht über eine Burnout-Patientin. Da sie als Geschäftsfrau zu “kopfgesteuert” war, hatte sie bei Gesprächstherapien “geblockt”. Erst durch eine sogenannte Poesietherapie war ein Zugang möglich. Nun, am Schreiben selbst ist nichts auszusetzen. Sich den Frust buchstäblich von der Seele zu schreiben kann sicher hilfreich sein und wird so bspw. seit eh und je mit Tagebüchern praktiziert. Aber! Während der Therapie war die Frau zusammen mit anderen Patienten dazu aufgefordert worden, ein Gedicht zu schreiben. Und sie war doch tatsächlich die EINZIGE in der Runde, welche selbiges in Reimen verfaßte. Resultat: die Psychologin attestierte ihr prompt einen zu großen Anpassungswillen. Sich in “altertümlichen” Reimen auszudrücken wurde dabei der Verpflichtung zum Althergebrachten, der Unterordnung unter kulturelle Zwänge, dem Hang zur Unterordnung überhaupt gleichgesetzt. Ein vernichtendes Urteil! Schließlich will jeder so frei von jeglichen Zwängen WIE ALLE sein. Daß aber genau darin der eigentliche ZWANG liegt, bemerken die wenigsten. Darum ist zu vermuten, daß die Patientin fortan nur noch in freien Versen schreibt. Aber ist ihre Dichtung dann noch Wahrheit?

Jedenfalls schreibe ich meine Gedichte wie ich will und weigere mich zudem, die neue Rechtschreibung zu verwenden, obwohl ich auch die alte nicht richtig kann. Und sollte es mal irgendwann kein ß mehr auf der Tastatur geben, werde ich aus Protest nicht zwei s sondern stattdessen sz schreiben. Dennoch kann ich treuherzig versichern, daß ich das nicht auf Grund der Unterordnung unter kulturelle Zwänge tue, geschweige denn aus einem Hang zur Unterordnung überhaupt. Sondern ich halte es wie Heinrich von Kleist, der da schrieb: "Es wäre zwar wohl möglich, daß ich lernen könnte, es wie die Anderen zu machen - aber Gott behüte mich davor."