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Komm in den totgesagten Park und schau...

heißt eines der schönsten Herbstgedichte von Stefan George. Auch viele andere Dichter veranlaßte diese Jahreszeit immer wieder zu romantischen Betrachtungen, oftmals in Analogie zu Abschied und Vergänglichkeit. Von Herbstblues und Winterdepression war noch keine Rede. Diese wurden erst 1987 beschrieben und mit der Bezeichnung Saisonabhängige Depression (SAD) als Krankheit gelistet. Seitdem ist die Zahl derer, die daran leiden, ständig steigend. Wie auch die Zahl derer, die an Phobien und sonstigen Angststörungen, Depressionen, Schlafstörungen und psychosomatischen Beschwerden leiden, von der Modekrankheit Burnout ganz zu schweigen.

Das Spektrum psychischer Störungen wird immer weiter ausgedehnt und gleichzeitig die Schwelle zur psychiatrischen Indikation gesenkt. Was einmal als Spleen, Marotte, Schrulle, als absonderliche Eigenart, eben als „ganz normale Macke“ in der Vielfalt des Lebens erschien, entfaltet sich heute zum behandlungsbedürftigen Krankheitsbild und ganze Horden von Psychiatern und Psychotherapeuten sowie die Pharmaindustrie profitieren davon. Das Geschäft mit der Seelensudelei und Seelenhudelei boomt. Die fiktive psychische „Bedrohung“, der JEDER durch Stress oder sonstige Belastungen ausgesetzt ist, wird mantraartig rauf und runter gebetet. Das zeigt Wirkung: Burnout und Depressionen gelten bereits als Volkskrankheit. Traumata runden das Bild ab. Für jede Befindlichkeit wird der Mistkäfer verantwortlich gemacht, der mal über den Kinderwagen gebrummt ist.

Natürlich gibt es psychische Belastungen sowie Erkrankungen. Doch was heute allzu oft dafür ausgegeben wird, läßt weniger auf eine individuelle als vielmehr auf eine gesellschaftliche Symptomatik schließen. Die Leidens- und Opferwilligkeit kennt kaum noch Grenzen - und wird gefördert. Psychotherapeutische Verfahren und psychosomatische Kuren werden großzügig bewilligt. Dabei beruht ein großer Teil der Burnout- und Depressionsfälle auf Beziehungsproblemen, Frustration oder schlicht Unzufriedenheit. Die angebliche Behandlungsbedürftigkeit ergibt sich aus dem vermeintlichen Anspruch, daß das Leben stets nach Wunsch zu verlaufen hat. Eine illusorische Vorstellung, die einen Mangel an Konfliktfähigkeit zeitigt - und eindeutig ein Wohlstandsproblem.

Seit ihrer Entstehung ist die Menschheit damit beschäftigt gewesen, um´s Überleben zu kämpfen. Während und nach Hungersnöten, Epidemien und Kriegen, von welchen die Bevölkerung regelmäßig heimgesucht wurde, konnte man sich keine Depressionen und Traumata leisten! Mit und selbst ohne Hoffnung auf bessere Zeiten, mußte das Nötige getan werden, um nicht elend zu krepieren. Dazu hat der Mensch einen gesunden Selbsterhaltungstrieb entwickelt, der ihn auch befähigt, psychische Selbstheilungsmechanismen zu aktivieren. Und da wo sie wirklich benötigt werden, wo Menschen noch heute an existenzieller! Armut, an ständiger Bedrohung oder Gewalt leiden, funktionieren sie auch noch. In Wohlstandsgesellschaften allerdings, wo man alles was keinen hundertprozentigen "Spaßfaktor" bietet als Bedrohung empfindet, leiden immer mehr an Herbst- und Winterdepressionen.