Home     Zurück
Deutsche Wirtschaftsnachrichten | Novo Argumente - Aktuell | Novo Argumente - Rauchen

Der Tod ist eine ernste Sache (I)

Ohne Zweifel ist er das. Doch wenn man mehrere Jahre Trauerreden gehalten hat, gab es hin und wieder auch skurrile und teilweise makabre Situationen.

Etwas was während meiner gesamten Tätigkeit als Trauerrednerin zwar nur zwei Mal vorkam, aber ziemlich nervt, ist der Umstand, wenn die Angehörigen sich ständig widersprechen oder nicht wissen was sie wollen. So war ich bei einem älteren Ehepaar, um den Inhalt der Trauerrede für eine verstorbene Verwandte abzustimmen. Der Mann und die Frau waren sich über einige familiäre Angaben vollkommen uneinig – er sagte hü, sie sagte hott: Es war der Bruder Kurt, mit dem die Verstorbene bis zuletzt in engem Kontakt stand. - Nein, es war Helmut. - Ach wo, Helmut war es auf keinen Fall, der war doch zu weit weg. - Na und, ihm war sie trotzdem immer mehr verbunden... So ging das geschlagene zwei Stunden. Schließlich einigten sie sich doch auf Kurt. Abschließend gingen wir ihre Angaben nochmal gemeinsam durch. „Also: Kurt?“ - „Ja.“ - „Ja“. Ich schrieb nun die Rede und erwähnte das gute Verhältnis zu Bruder Kurt. Nach der Trauerfeier trat dann der Mann an mich heran und sagte leicht vorwurfsvoll: „Na ja, das mit den Brüdern haben Sie aber nicht richtig gesagt, eigentlich hatte sie immer einen engeren Kontakt zu Helmut.“ Grrr!

Der zweite Fall war mehr praktischer Natur. Im Vorgespräch und ebenso beim Bestatter hatte die Witwe verlautbart, daß es sich um eine Beisetzung im engsten Kreis handeln wird. „Es werden nur maximal 5-6 Leute anwesend sein. Trauerhalle ist nicht nötig. Die Urne soll schon eingelassen sein und die Rede direkt am Urnengrab gehalten werden.“ „Also eine etwas kürzere Rede“, sagte ich. „Es soll schon eine richtige Rede sein.“ - „Ja, natürlich. Aber am Grab ist mit Nebengeräuschen, zum Beispiel Straßenlärm oder Hundebellen, zu rechnen und das Wetter ist ungewiß. Üblicherweise ist eine Rede am Grab darum etwas kürzer, inhaltlich aber trotzdem angemessen.“ - „Die Rede kann ruhig die volle Länge haben.“ Ich versuchte zu erklären: „Schaun Sie, an der Urnenstätte sind die Wege zwischen den Gräbern noch schmaler, es ist nur sehr wenig Platz und die Trauergäste müssen hintereinander stehen. Falls doch einige mehr kommen, werden die Letzten kaum etwas hören, müssen aber eine Dreiviertelstunde so ausharren. Wie sie sagten, hatte ihr Mann Gartenfreunde und auch noch enge Kontakte zu früheren Arbeitskollegen. Sie wollen nicht doch lieber die Halle nutzen?“ „Nein, nein. Es ist wirklich nur im kleinsten Kreis. Alles schon mit dem Bestatter abgesprochen. Trompeter und so.“ - „Trompeter?“ - „Ja, Trompeter am Grab. Die Urne ist ja schon eingelassen.“ - „Na gut“, sagte ich, „dann treffen wir uns direkt am Grab.“ - „Ja.“
Wie immer, war ich eine halbe Stunde vor dem Termin auf dem Friedhof. Niemand war zum Grab gegangen, sondern vor der Trauerhalle stand die Witwe mit zehn Leuten und dem Trompeter. Ok., zehn geht noch – bei mäßigem Wind und ohne Mikrofon. Dann kamen noch zwei, dann noch vier und dann noch mehr…. Zehn Minuten vor Beginn der Trauerfeier waren ca. 30 Trauergäste eingetroffen. Der Wind hatte zugenommen; irgendwo sägte jemand Holz. Schade um die Arbeit, dachte ich, die meisten werden kaum etwas von der Rede hören. Aber was soll´s. Doch das war noch nicht alles. Die Witwe kam zu mir: „Wissen Sie, also, wissen Sie, bei meinem Vater war es so, daß wir mit der Urne zum Grab gegangen sind, während der Trompeter spielte.“ - „Sie haben doch mit dem Bestatter vereinbart und mir bestätigt, daß die Urne bereits eingelassen sein soll.“, antwortete ich. „Aber bei meinem Vater war es anders. Eigentlich sollen alle mit Trompetenbegleitung zum Grab gehen. Ohne Urne ist das irgendwie….. Na jedenfalls, eigentlich wollte ich es wieder so.“
Eigentlich! hätte ich sie erwürgen können. Ich rief im Bestattungsbüro an: „Sie will, daß die Urne mit Musik zum Grab getragen wird.“ - „WAS?, aber sie hat doch gesagt…., es war doch vereinbart…, die Urne ist doch schon….“ - „Weiß ich, und nun?“ Fünf Minuten später sah ich den Bestatter am Friedhofseingang und von dort auf einem Nebenweg zum Urnenbereich hasten. Wenig später kam er mit der blankgeputzten Urne hinter der Trauerhalle hervor und trug sie dem Trauerzug voran unter Trompetenklängen zum Urnengrab.