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Der Tod ist eine ernste Sache (II)

Das Trauergespräch fand mit der Nichte des Verstorbenen statt. Ihr Onkel war zeitlebens Junggeselle geblieben. Als er älter wurde, hatte sie sich um ihn gekümmert. Ja, sie kamen ganz gut miteinander aus, aber anstrengend war es schon manchmal. Getrunken hat er auch gern, sonst hatte er ja nichts. Und wenn er dann mit Freunden und Bekannten zusammen war, wurde schon das eine und das andere Glas gekippt. Alte Männer unter sich eben, die, nach einem arbeitsreichen Leben in der Landwirtschaft, wo kaum Zeit für irgendwelche anderen Interessen geblieben war, in ihren Erinnerungen schwelgten, welche um so lebendiger wurden, wenn man sie ordentlich begoß. Dafür hatte die Nichte durchaus Verständnis. Das Gespräch verlief aufgeschlossen und endete damit, daß sie mir auch ihr persönliches Leid klagte. Schon seit mehreren Jahren geschieden, bestand ihr Alltag nur noch aus dem Versorgen ihres Onkels und ihrer ebenfalls alten Mutter. Sie selbst war Mitte vierzig, und ja, sie wünsche sich schon, daß ihr Leben nochmal etwas mehr Abwechslung bieten würde.

Am Tag der Beisetzung fuhr ich zum Friedhof. Die Konstruktion der Trauerhalle überraschte mich. Sie bestand aus einem schlichten Holzbau, der eher einer Scheune glich. Die Plätze darin waren ziemlich steil angeordnet und erinnerten an Zirkusränge. Die Halle war gut gefüllt. Zuvorderst saßen neben der Nichte und ihrer Mutter noch weitere, entferntere Angehörige. Gleich dahinter, bzw. auf Grund der Sitzanordnung fast darüber, saßen die Freunde des Verstorbenen, welchen man allerdings – das muß ich zugeben - durchaus ansah, womit sie sich ihre Erinnerungen verschönten. Außerdem waren viele Einwohner des Ortes und – natürlich uniformiert - die Mitglieder der Feuerwehr anwesend. Es war also eine recht große Trauerfeier, womit ich gar nicht gerechnet hatte. Ich begann mit der Rede und natürlich ist es grundsätzlich so, daß die Trauergäste dann zu einem schauen. Dort war es aber anders. Sie schauten nicht einfach, sie starrten geradezu zu mir und wirkten wie hypnotisiert. Die Nichte noch am wenigsten, die Freunde am meisten, aber auch alle anderen irgendwie. Ich überlegte, ob etwas nicht stimmte, konnte aber nichts feststellen. Es irritierte mich schon ein bißchen und ich mußte einige Konzentration aufbringen, weil ich immer wieder überlegte was es sein könnte. Trotzdem verlief alles glatt.

Die Rede war beendet. Der Bestatter kam, nahm die Urne auf und trug sie feierlich zum Grab; alle folgten. Wie üblich sprach ich noch ein paar Sätze, die Urne wurde eingelassen und dann traten die Anwesenden nacheinander zum Abschied ans Grab. Der Gärtner muß ein Anfänger gewesen sein, denn statt der Blütenblätter, die normalerweise von den Trauergästen ins Grab geworfen werden, hatte er sinniger Weise ganze Blütenköpfe, und zwar hauptsächlich Nelkenköpfe, bereitgestellt. Diese schlugen nun deutlich vernehmbar auf die Urne auf: plom, plom, plom…. Auf Grund der Zahl der Trauergäste dauerte die Zeremonie entsprechend lange. Schließlich war die Beisetzung beendet und ich begab mich zum Ausgangstor des Friedhofs. Bevor ich dieses erreichte, kam mir einer der Angehörigen ziemlich aufgeregt nachgeeilt. „Na wann wird das denn nun gemacht“ - „Was?“ - „Na, der Onkel muß doch noch…., ähm, die Urne muß doch noch in die Erde. Wird das nachher noch gemacht? Wer macht denn das? Sollen wir das selbst machen?“ Jetzt starrte ich wahrscheinlich. „Wieso? Die Urne ist doch schon eingelassen. Sie haben doch gesehen, wie der Bestatter sie eingelassen hat.“ Er wirkte nicht überzeugt. „Das müssen Sie gesehen haben. Er hat sie vor allen hergetragen und dann eingelassen. Sie standen doch ganz vorn und müssen es gesehen haben.“ Sein Gesicht nahm einen ungläubigen und leicht verzweifelten Ausdruck an. „Sie haben doch wie die anderen Blumen eingeworfen.“ Keine Reaktion. „Gut. Der Bestatter ist noch am Grab. Gehen sie schnell hin, bevor er es schließt, und schauen sie selbst. Die Urne ist im Grab, ich versichere es ihnen.“ Er eilte davon. Ich übrigens auch, denn ich kam mir vor wie im falschen Film. Angefangen von der offenbar hypnotischen Wirkung der Rede, über das monotone Aufschlagen der Nelkenköpfe bis zu der scheinbar verwirrten Anfrage des Angehörigen hatte die ganze Situation etwas völlig Surreales.