Home     Zurück
Deutsche Wirtschaftsnachrichten | Novo Argumente - Aktuell | Novo Argumente - Rauchen

Der Tod ist eine ernste Sache (III)

Allgemein werden Trauerredner von den Bestattungsinstituten kontaktiert. Es kommt aber auch vor, daß sich die Angehörigen direkt an einen wenden. Zu Beginn meiner Tätigkeit als Trauerrednerin, ich war hauptberuflich noch anderweitig beschäftigt, erhielt ich eines Tages im Büro einen Anruf. Am Apparat war eine Frau und sagte: „Hmm, ja, ich wollte fragen, ob sie kommen könnten. Wir haben auch so was vor.“ Tatsächlich besteht bei manchen Leuten eine gewisse Scheu, Worte wie Beerdigung oder Beisetzung auszusprechen. Ich hatte jedenfalls keine Vorstellung was sie meinte und worum es überhaupt ging, da ich erst wenige Reden gehalten hatte, welche jeweils von den Bestattungsinstituten vermittelt worden waren, und ich schon gar nicht im Büro mit einem entsprechenden Anruf rechnete. „Sie haben doch vorige Woche hier im Ort die Rede für unseren Nachbarn gehalten. Wir haben auch so eine…., so eine Situation.“ „Ach sooo.“ Jetzt verstand ich.

Wir vereinbarten einen Termin und ich fuhr hin. Bei der Anruferin und ihrem Mann wohnte ihre Tante, eine über neunzigjährige elegante alte Dame, deren Tochter verstorben war. Abgesehen von einem etwas schlechten Gehör, war die alte Frau geistig vollkommen rege. Sie erzählte mir, daß sie in Berlin gelebt habe. Ihre Tochter war nach Kriegsende mit einem amerikanischen Soldaten in die USA ausgewandert. Die Ehe war schon bald gescheitert, die Tochter sei aber mit ihren Kindern dort geblieben und habe sich irgendwie durchgeschlagen. Vor kurzem war die Tochter verstorben, doch hatte sie keine Ersparnisse und auch die erwachsenen Kinder konnten die Kosten für die Beisetzung nicht tragen, schon die Kremierung konnten sie kaum bezahlen. „Nun“, sagte die alte Dame, „da bin ich eben hingeflogen und habe sie geholt. Und denken sie: die Urne wurde ins falsche Flugzeug gepackt, welches, statt wie ich nach Dresden, nach Berlin geflogen ist. So hat sie sich noch mal Berlin anschauen können.“ Sie lächelte. Die Urne war ihr dann zugeschickt worden und sie hatte sie auf den Balkon gestellt, bis eine Bekannte vorbei kam und sagte, daß das nicht statthaft sei und sie die Urne beisetzen müssen. Mit dem Friedhofswärter war schon alles besprochen und den Inhalt der Rede hatten wir nun auch abgestimmt. Als ich aufbrechen wollte, sagte die Nichte: „Noch eine Frage. Das sieht doch immer aus wie eine Vase, also wie Metall oder Keramik oder so etwas – muß man das so machen?“ „Wie?“ „Na, daß es wie eine Vase aussieht. - Warten sie mal, ich zeig´s ihnen.“ Sie lief los, kam mit der Urne zurück und stellte sie auf den Tisch. Ich schluckte. Die Urne bestand aus gedrehter Pappe, welche mit Klarlack oder etwas Ähnlichem bestrichen war. Sie sah aus wie früher die Heringseimer, nur daß sie keinen oberen Deckel hatte, sondern zwei gleichgroße Hälften, die mittig mit einem quietschgelben Klebeband verbunden waren. „Muß man die nun noch in eine Vase tun oder können wir es so lassen?“ „Na, ja“, antwortete ich, „sie können natürlich noch eine richtige Urne kaufen, in die sie sie stellen.“ „Wir wollten aber nicht noch extra zu einem Bestatter. Es wird ja auch niemand außer uns dabei sein.“ „Wie wäre es denn, wenn sie die Urne mit einem dezenten Seidenpapier umwickeln und vom Gärtner ein kleines Gesteck darauf anbringen lassen.“ Der Vorschlag gefiel ihr: „Hörst du, Tante, so machen wir es. Das sieht sicher hübsch aus.“ Die alte Dame hatte dem Dialog wohl nicht folgen können und sah etwas ratlos aus. Die Nichte lief nochmal los und kam mit einem glänzenden, knallroten Geschenkpapier zurück, daß sie lose um die Urne legte. „Schau, Tante, so – das sieht doch hübsch aus. Es muß ja kein rotes sein, wir suchen noch ein anderes.“

Als ich am Tag der Beisetzung zum Friedhof kam, war zunächst nur der Friedhofswärter dort und wir unterhielten uns. Er schien mit den Umständen vertraut, denn er sah mich verschmitzt an und fragte, ob ich den Witz mit dem Päckchen aus Amerika kenne. Natürlich kannte ich den, aber er ließ es sich nicht nehmen, ihn bruchstückhaft wiederzugeben. „Sie wissen doch, in dem Päckchen waren viele Dosen mit Suppen, Kaffee und so weiter. Eine Dose war nicht beschriftet und die Empfänger haben den Inhalt auch mit Wasser aufgegossen, aber es hat nicht richtig geschmeckt. Eine Woche später kam ein Brief, in dem stand, daß in dieser Dose die Asche von Onkel sowieso war, der gern in der Heimat bestattet sein wollte.“ Der Gärtner kam und brachte die Urne. Sie war in ein gazeartiges, durchbrochenes Trauergewebe gehüllt, obenauf hatte man ein sehr hübsches kleines Blumengesteck befestigt und aus Blumendraht einen kleinen Henkel angebracht. „Ein bißchen knapp, denn das Grab ist ja tiefer, aber sonst ist der Henkel gut“, sagte der Friedhofswärter und griff danach. Der Gärtner zuckte zusammen: „Sie müssen die Urne auch von unten halten, unbedingt!“ „Das geht doch nicht, wie soll ich sie denn dann einlassen, da muß ich mich ja auf den Bauch legen, sonst reiche ich nicht runter.“ Der Gärtner wirkte äußerst nervös: „Doch, sie müssen sie auch von unten halten! ...Der Henkel... der Henkel ist zu instabil.“ Die Nervosität des Gärtners machte mich stutzig. Etwas brachte ihn aus der Fassung, aber was? Plötzlich sah ich es – das quietschgelbe Klebeband war ab. Man hatte es offensichtlich entfernt, da es durch das schwarze Trauergewebe geleuchtet hätte. Das Verhalten des Gärtners ließ erahnen, daß man wohl nicht bedacht hatte, daß sich das Klebeband ja in der Mitte der Urne befand und diese auseinander fallen mußte, wenn das Band entfernt wurde. Was immer in der Gärtnerei passiert war, dem Gärtner steckte der Schreck jedenfalls in den Knochen. Er fuhr schweißgebadet ab, die drei Angehörigen kamen und ich war froh, daß es wirklich nur die drei waren. Als der Friedhofswärter die Urne, zwar vorsichtig, aber doch nur am Henkel, ins Grab balancierte, konnte ich kaum hinsehen, denn ich rechnete jeden Augenblick damit, daß alles auseinander fiel – was jedoch zum Glück nicht geschah.