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Der Tod ist eine ernste Sache (IV)

Am Trauergespräch nehmen, je nach familiärer Situation, manchmal mehr und manchmal weniger Angehörige teil. Doch meist legen engste Verwandte, die entweder zum Haushalt gehören oder in unmittelbarer Nähe wohnen und es zeitlich einrichten können, Wert darauf, dabei zu sein. Das ist durchaus begrüßenswert, denn je mehr Informationen man erhält, um so deutlicher zeichnet sich das Bild der oder des Verstorbenen ab. Immerhin schreibt und spricht man als Trauerredner meist über Menschen, die man persönlich nie gekannt hat. Wenn man mit nur einem Angehörigen sprechen kann und evtl. noch familiäre Feindschaften bestehen, muß man ziemlich genau hin- bzw. auch zwischen den Worten hören, um einen differenzierten Eindruck zu erhalten.

Des weiteren ist es stets ein Zeichen dafür, daß irgendetwas nicht stimmt, wenn Angehörige, die bspw. im gleichen Haus leben und auch da sind, aus irgendwelchen Gründen nicht am Gespräch teilnehmen. In einem Fall sprach ich mit dem Sohn einer Verstorbenen, welcher vorab erklärte, seine Frau ließe sich wegen Kopfschmerzen entschuldigen. Es stellte sich heraus, daß das Verhältnis zwischen seiner Frau und ihrer Schwiegermutter, die im selben Haus gelebt hatte, über Jahrzehnte das denkbar schlechteste gewesen war und sie jeden Kontakt vermieden hatten. Seine Mutter habe sich mehr und mehr zurückgezogen, auch von ihm, habe aber mit Hingabe den Garten gepflegt und sich oft mit den Nachbarn unterhalten.

Die Trauerfeier fand in einer winzigen Halle statt, so daß die Angehörigen so dicht am Sarg saßen, daß sie diesen mit den Knien berührten. Die Schwiegertochter saß völlig versteinert und blickte nicht ein einziges Mal auf. In der Rede bezog ich mich ausschließlich auf die Verstorbene. Natürlich erwähnte ich die Geburt des Sohnes, doch im weiteren Verlauf ließ ich jeden familiären Bezug aus und sprach nur über ihr Wesen, ihre guten nachbarschaftlichen Beziehungen und mit welcher Freude sie ihre Tage im Garten verbracht habe. Übrigens kein leichtes Unterfangen, nur daraus eine Rede zu erstellen. Und so war ich tatsächlich überrascht, als nach der Beisetzung ausgerechnet die Schwiegertochter sichtbar ergriffen zu mir kam, meine Hände nahm und sich von ganzem Herzen bedankte.

Ein anderes Trauergespräch verlief ähnlich. Ich sprach mit dem Bruder der Verstorbenen. Beide hatten früh die Eltern verloren und die viel ältere Schwester hatte sich um ihn gekümmert und ihn großgezogen. Sie hatten ein gutes Verhältnis, welches nach seiner Hochzeit vollkommen beendet wurde, da die Schwester seine Frau nicht akzeptiert hatte. Dennoch war die Schwester, im hohen Alter und krank, zu ihnen gezogen und er hatte sich um sie gekümmert bis sie verstarb. Seine Frau nahm ebenfalls wegen Kopfschmerzen nicht am Gespräch teil.

Die Beisetzung verlief in kleinem Rahmen, anwesend waren Bruder und Schwägerin sowie einige Nachbarn. Ich begann mit der Rede und üblicher Weise verläuft diese ohne Zwischenfälle. Aber mitten im Text sprach die Schwägerin plötzlich laut dazwischen. Es klang dumpf und abweisend, doch ich hörte nicht, was sie gesagt hatte. Allerdings bemerkte ich, daß alle Anwesenden zusammenzuckten und sich völlig irritiert ansahen. Ich beendete die Rede, die Urne wurde auf den Friedhof getragen und nach ein paar weiteren Worten beigesetzt. Zum Abschied traten alle ans Grab, auch die Schwägerin. Sie sah hinunter und sagte – diesmal auch für mich vernehmbar, da ich unmittelbar daneben stand – mit größter Verachtung: „Jetzt bist´e in dem kalten Loch.“ Holla, die Waldfee, das war deutlich. Wieder zuckten alle zusammen und verließen dann wortlos den Friedhof.