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Der Tod ist eine ernste Sache (V)

Hochsommer und für unsere Breitengrade mit glühender Hitze. In dem Fall ist die Kühle in Trauerhallen durchaus angenehm. Es war eine recht große Trauerfeier und so hatten längst nicht alle Platz in der Halle. Denn neben der Familie und entfernten Verwandten, gaben das halbe Dorf sowie sonstige Bekannte, Freunde, frühere Arbeitskollegen und die Mitglieder der Feuerwehr dem Verstorbenen die letzte Ehre. Ich hatte das luftigste, lange, schwarze Kleid an, das sich zu solchen Anlässen geziemt, und war dennoch heilfroh, als ich zur Rede in die Halle schritt. Die Beisetzung der Urne erforderte allerdings erneut den Gang auf den Friedhof.

Einige Meter von der Grabstelle entfernt gab es eine schattige Baumreihe und darunter blieben alle Trauergäste stehen. Diesen Luxus konnte ich mir leider nicht leisten. Zusammen mit dem Feuerwehrhauptmann der Ärmste hatte noch dazu Uniform an und Mütze auf mußten wir in der prallen Sonne am Grab ausharren, bis sich alle unter den Bäumen aufgestellt hatten. Vor Schweiß triefend hielten wir stoisch stand. Als sich endlich alle unter den Bäumen platziert hatten, schickte sich der Feuerwehrhauptmann an, die Urne einzulassen, doch die Kordel riß! Irritiert und hilfesuchend sah er zu mir. Umsonst, denn was sollte bzw. konnte ich tun? Also schaute ich betont desinteressiert vor mich hin. Schließlich ließ er sich auf die Knie herunter, um die Urne mit den Händen abzusetzen. Das wiederum ist auf Grund der Tiefe des Grabes ein heikles Unterfangen, es sei denn, er ließe sie einfach von oben hinein plumpsen. Was er natürlich nicht wollte. So kniete er sich also hin, beugte sich mit der Urne ins Grab und flutsch, weg war er, bis zur Hüfte. Seine Beine wedelten zwar nicht in der Luft, sondern er hatte mit den Zehen noch etwas Bodenhaftung, aber sein Oberkörper war komplett verschwunden. Und was geschah? Nichts! Alle Trauergäste, mehr als die Hälfte davon Männer, incl. Feuerwehrmitglieder, rührten sich nicht, sondern starrten nur gebannt zum Grab. Niemand kam ihm zu Hilfe. Niemand. Die Situation lähmte alle. Einige standen völlig steif und schauten entsetzt, bei anderen verriet ein leichtes Zucken der Mundwinkel, daß sie kurz vor einem Lachanfall waren. In solchen Situationen hat man das Gefühl, daß sie ewig dauern. Wie lange es wirklich war, kann ich nicht sagen, vielleicht 2-3 Minuten. Jedenfalls eine verdammt lange Zeit. Aber plötzlich tauchte er von selbst wieder auf. Keine Ahnung, wie er sich aus dem engen Grab hinauf gestemmt hatte. Er sah ziemlich verdattert aus, doch die Mütze hatte er noch auf dem Kopf. Und so stand er kerzengerade und äußerlich ruhig, als wäre nichts geschehen, als ich die letzten Abschiedsworte sprach und die Trauergäste nacheinander ans Grab traten.