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Träume

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Es ist die Zeit weihnachtlicher Rituale, silvesterlicher Orakel – und der sogenannten Rauhnächte, der zwölf Tage und Nächte vom 25. Dezember bis zur Nacht vom 5. auf den 6. Januar. Die Anzahl der Rauhnächte geht vermutlich auf die Differenz zwischen dem kalendarischen Mond- und Sonnenjahr zurück, welche ca. 11,5 Tage beträgt. Diese Zeit „zwischen den Jahren“ hat im europäischen Brauchtum besondere Bedeutung. Die Kelten nannten sie die „dünne Zeit“ (thin time) und waren der Ansicht, daß der Schleier zwischen dieser und anderen Welten dann sehr dünn sei. Darum wurden die Rauhnächte achtsam begangen. Vor allem dem Inhalt der Träume während der letzten sechs Nächte des alten und der ersten sechs Nächte des neuen Jahres wurde besondere Bedeutung beigemessen, da sie die zwölf Monate des kommenden Jahres symbolisieren. Die Traumbilder sind allerdings weder im positiven noch im negativen Sinne einfach übertragbar. Faszinierend sind Träume allemal – und das nicht nur während der Rauhnächte.

Leider hat Sigmund Freud mit seiner Traumtheorie viel Schaden angerichtet, indem er von latenten Traumgedanken ausging, die angeblich aus unbewußten, sexuell motivierten Wünschen entstehen. Seitdem wagt sich kaum noch jemand über seine Träume zu sprechen. Verständlich: Denn wenn jemand träumt, daß er seinen Kollegen umbringt oder mit seiner Nachbarin schläft, fühlt er sich sofort ertappt, da es sich dabei ja angeblich um das verdrängte Unbewußte und folglich um sein geheimstes Wunschdenken handelt. Dem ist aber nicht so – vielmehr entsprach das wohl dem Wunschdenken Freuds.

Es ist nicht einmal so, daß Träume ausschließlich vom Träumenden selbst bewirkt werden. Sofern beispielsweise bekannte Personen darin erscheinen, wird der Trauminhalt – zwar nicht immer, aber im größten Teil der Fälle – von diesen gewissermaßen „gesendet“. Nun ist das in der Regel schwer nachzuprüfen, zumal wenn es sich um Personen handelt, die man nicht näher kennt. Diejenigen wird man sicher nicht auf der Straße ansprechen und fragen: „Haben Sie gestern an mich gedacht? Ich gehe davon aus, weil ich letzte Nacht von Ihnen geträumt habe.“ Doch wenn man sich über Jahrzehnte mit Träumen beschäftigt, gibt es immer wieder deutliche Hinweise darauf, daß viele Trauminhalte sozusagen von „außen“ übertragen werden.

So fiel mir auf, daß ich häufig von einer ehemaligen Mitschülerin träumte, mit welcher ich nicht enger befreundet gewesen bin, aber manchmal haben wir zusammen mit anderen etwas unternommen. Irgendwann kam es zu einem Streit zwischen uns. Ich weiß nicht mehr, worum es dabei ging. Sicher ist aber, daß ich schon damals ein umfassendes Repertoire an Schimpfwörtern hatte, von welchem die heutigen Schneeflöckchen tot vom Ast fallen würden. Soll heißen, daß ich wahrscheinlich meinen Teil zur Eskalation beigetragen habe, wenn ich auch nicht sagen kann, wie der Streit zustande kam. Egal. Sie holte sich jedenfalls Unterstützung von älteren Mädchen aus ihrer Nachbarschaft und diese hielten mich auf dem Nachhauseweg an und zerrten meine Schultasche vom Fahrrad. Das war alles – eine Drohgebärde, sonst nichts. Später habe ich nie wieder an den Vorfall gedacht, auch nicht, als ich nach Jahren besonders oft von der betreffenden Mitschülerin träumte. Sondern ich wunderte mich, warum ich gerade von ihr und nicht von meiner damals besten Freundin träumte. Dann fand ein Klassentreffen statt und sie saß neben mir. Wir unterhielten uns über Belanglosigkeiten und plötzlich brach es unvermittelt aus ihr heraus: „Ich muß dir das endlich sagen, ich muß es loswerden, sonst läßt es mir keine Ruhe. Immer wenn ich deinen Namen höre, versetzt es mir einen Stich – wegen damals. Ich bin doch nicht so gemein, ich weiß gar nicht wie ich das tun konnte.“ Es dauerte einen Moment bis ich verstand wovon sie überhaupt sprach. Dann versicherte ich ihr, daß ich mit keiner Silbe je noch irgendwann daran gedacht hatte und sie das auch nicht müßte, es waren Kindereien. Von Stund an träumte ich nicht mehr von ihr. Meine Träume waren eindeutig durch ihre Gedanken ausgelöst worden, vermutlich immer dann, nachdem mein Name erwähnt wurde, was aber leider nicht mehr nachvollzogen werden konnte, da sie natürlich keine Daten dazu erfaßt hatte. Auf jeden Fall war ich lediglich der „Empfänger“.

Der zweite Fall ist ähnlich – und doch anders…. Er betrifft einen Mann, mit dem ich früher beruflich zu tun hatte. Es bestand weder eine besondere Zuneigung noch Abneigung. Man kannte sich eben und wir kamen allgemein ganz gut miteinander aus. 2001 traf ich eine Entscheidung, die einigen Leuten nicht paßte, weshalb sie sich daraufhin ausgesprochen schäbig verhielten. Zwar gehörte besagter Mann nicht direkt zu den Betreffenden, doch hätte er durchaus auf ihr Verhalten Einfluß nehmen können, was er aber nicht tat. Jahre später hatte ich drei Träume (zum 25.04.2014 / 29.07.2014 / 12.01.2015), in denen er plötzlich besonders in Erscheinung trat. Ich wunderte mich darüber, denn zum einen hatte ich keinen Gedanken mehr an die damalige Zeit verschwendet, zum anderen ähnelten sich die drei Träume und waren sehr ausdrucksstark. Neben anderen Details fiel mir auf, daß derjenige jedes Mal sehr betrübt wirkte und mich wehmütig anlächelte. Wissend, daß solche Träume überwiegend nicht von einem selbst, sondern von den darin handelnden Personen ausgelöst werden, sagte ich nach dem dritten Traum zu meinem Mann: „Ich hab wieder von Z. geträumt, vielleicht war ja in den letzten Monaten eine Veranstaltung, an der einige von der alten Riege teilgenommen und über früher gesprochen haben.“ Da es mich trotzdem wunderte, daß er mir in dieser merkwürdigen Weise in meinen Träumen begegnete, gab ich seinen Namen bei google ein und es erschien ein Eintrag – eine Todesanzeige, er war im März 2014 verstorben. Die Träume waren also alle danach „gesendet“ worden. Fest steht jedoch, daß sie wiederum nicht auf meinen Gedanken beruhten, da es keinerlei Veranlassung dafür gab. Für mich bestand weder zeitlich noch inhaltlich der geringste Zusammenhang.

Ein weiterer Aspekt, der oft in der Traumforschung auftaucht, ist die Annahme, daß Träume nur der Verarbeitung täglicher Ereignisse und Empfindungen dienen. Daß es sich dabei also sozusagen um eine Art nächtliche Putzorgie handelt. Ursache dafür ist vermutlich die Tatsache, daß sich die meisten Menschen maximal an ihre morgendlichen Träume erinnern, in denen zwar nicht immer, doch überproportional oft alltägliche Situationen enthalten sind. Allerdings träumen wir die ganze Nacht und gerade in dieser viel längeren Phase treten fast ausschließlich Trauminhalte auf, die keinen konkreten Bezug zu Alltäglichem haben. Selbst wenn Ort und Zeit der Realität entsprechen, legen die Handlungen keine üblichen Verknüpfungen nahe, teilweise spielt sich das Geschehen aber auch an fremden Orten oder in anderen Zeiten ab. Diese Inhalte haben einen eher archetypischen Charakter, der nach Carl Gustav Jung auf das kollektive Unbewußte zurückzuführen ist. Dennoch sind sie bei weitem nicht immer an eine archetypische Symbolik gebunden.

Im Alter von etwa 17 Jahren hatte ich mehrmals einen Traum, der sich aufgrund seiner Intensität stark eingeprägt hat (damals habe ich Träume noch nicht aufgeschrieben). Im Traum war ich etwas älter, ca. 25 Jahre, und befand mich allein in unserer Dorfkirche. Der zeitlich Eindruck, dem auch meine Kleidung entsprach, lag ungefähr um 1800. Ich stieg über eine Treppe im Nordwesten des Kirchenschiffs auf die Empore. Eine vollkommene Vertrautheit erfüllte die Szene und eine daraus resultierende hundertprozentige Gewißheit, daß ich mich in unserer Kirche aufhielt. Gleichzeitig wurde mir aber jedes Mal deutlich bewußt, daß das nicht sein konnte, weil man in dieser nur über eine Treppe im westlichen Glockenturm zur Empore gelangt. Der Widerspruch irritierte mich. Wie gesagt, der Traum wiederholte sich mehrmals und war außerordentlich intensiv, die Atmosphäre geradezu greifbar. Dreißig Jahre später beschäftigten mein Mann und ich uns mit der Geschichte des Ortes und der Kirche. Es stellte sich heraus, daß der Glockenturm erst 1885/86 errichtet wurde. Vorher führte eine Treppe direkt aus dem Kirchenschiff, genauer gesagt in dessen nordwestlicher Ecke, auf die Empore (wovon ich 30 Jahre vorher aber nicht die geringste Ahnung hatte). Darüber hinaus ist die Empore erst im Jahre 1722 eingebaut worden, wodurch sich das Traumgeschehen in die Zeit zwischen 1722 und 1886 einordnen läßt, was den damaligen Eindruck bestätigte.

Der Fehler der modernen Traumforschung besteht darin, Träume grundsätzlich zu psychologisieren. Spätestens bei präkognitiven Träumen stößt die Wissenschaft damit an Grenzen. Jung hat sich ausführlich mit diesen Träumen beschäftigt und ging davon aus, daß das Unterbewusstsein in der Lage sei, Ereignisse oder Gefahren wahrzunehmen, die das Bewußtsein noch nicht realisiert hat. Das ist allerdings nur im persönlichen Erfahrungsbereich möglich. Beispielsweise wenn jemand unter Streß leidet und davon träumt, in einem Auto ohne Bremsen zu sitzen. In dem Fall würde ihn das Unterbewußtsein auffordern, Streß abzubauen, um das Auto zu verlangsamen und dadurch einen Crash (Infarkt) zu vermeiden. Das trifft aber nicht für präkognitive Träume zu, in denen es um eigene Situationen oder gar Situationen von anderen geht, die nicht voraussehbar sind, auch nicht für das Unterbewußtsein. Die also nicht, wie es beim Streß-Beispiel der Fall ist, über eine Kausalität verfügen, sondern wenn es bspw. um völlig unvorhersehbare Unfälle geht. Damit wäre auch das Unterbewußtsein überfordert, es sei denn, es hat Zugriff zu einer Ebene in welcher Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vorhanden sind oder zumindest reflektiert werden. Deshalb stellen vor allem präkognitive Träume psychologische Deutungsversuche vor ein unlösbares Problem. Oder anders formuliert – die Psychologisierung von Träumen ist das eigentliche Problem der Traumforschung.

Ein Traum, ein Traum ist unser Leben auf Erden hier.
Wie Schatten auf den Wogen schweben und schwinden wir,
und messen unsre trägen Tritte nach Raum und Zeit;
und sind (und wissen's nicht) in Mitte der Ewigkeit.
Johann Gottfried von Herder