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Und Du, Bethlehem Ephrata ....

Zu Weihnachten feiern Christen weltweit die Geburt des Juden Jehoschua Ben Joseph. Über sein Leben und Wirken berichten die Evangelien des Neuen Testaments und apokryphe Schriften. Seit der Aufklärung wird der historische Gehalt dieser Quellen thematisiert. Es entstand die kritische Jesusforschung, welche bemüht war, entweder seine reale Existenz nachzuweisen, diese jedoch vom Christusbild der Kirche zu distanzieren, oder den Beweis seiner Nichtexistenz zu erbringen. Die einen sahen in ihm einen politischen Reformator (H.S. Reimarus), den weltlichen Gründer des Urchristentums (F.Ch. Baur) oder einen Menschen, auf welchen lediglich die mythischen Vorstellungen des Alten Testaments übertragen wurden (D.F. Strauß). Die andern vertraten die These, es handele sich um eine gänzlich erfundene Figur, welche die messianischen Erwartungen der damaligen Zeit widerspiegele (B. Baur / A. Kalthoff) bzw. die Personifizierung eines hellenistischen Mythos (A. Drews).

All diese Ansätze kennzeichnete eine christliche Befangenheit. Sie alle suchten nach „ihrem Herrn Jesus“, selbst wenn er nur als Symbol des Glaubens dienen sollte. In der neueren Forschung geht man überwiegend von seiner historischen Existenz aus und versucht sein Wirken im Kontext des damaligen Judentums zu verstehen. Aber auch die sozialgeschichtlich orientierte Forschung neigt dazu, ihn irgendwie einzuordnen, beispielsweise als wundertätigen Wanderprediger oder Vertreter einer innerjüdischen Erneuerungsbewegung. Liest man die synoptischen Evangelien unvoreingenommen, so berichten sie jedoch lediglich von einem nonkonformistisch denkenden Rabbi mit einer relativ kleinen Anhängerschaft und sehr kurzer Wirkungszeit, also eigentlich “eine Begebenheit am Rande”, der weder vor hatte die bestehende Religion zu erneuern noch eine neue, nichtjüdische/christliche Religion zu gründen (Math. 5/17-19). Des weiteren schildern sie deutlich eine weitgehend unpolitische Persönlichkeit und einen religiös gebildeten, charismatischen Mann, der zwar von den mehr und weniger etablierten religiösen Gruppierungen beeinflußt wurde, aber keiner zuzuordnen ist. Die konsequent eschatologische Ausrichtung seiner Ideen und die absolute Konsequenz ihrer Umsetzung gehen darüber hinaus. Albert Schweitzer stellte dazu in seinem Buch „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“ fest: „Jede dahingehende Untersuchung wird aber immer dartun, daß eine Mischung und Gestaltung rabbinischer, apokalyptischer und ethischer Gedanken, wie sie in seiner Verkündigung vorliegt, im Spätjudentum sonst nicht nachweisbar ist.“

Und weiter schreibt Schweitzer (über J. Weiß und seine Anhänger): „Sie bezogen die Eschatologie nur auf die Predigt Jesu, und nicht einmal auf die gesamte, sondern nur auf das Messianitätsgeheimnis, statt die ganze öffentliche Wirksamkeit, die Zusammenhänge und Unzusammenhänge der Ereignisse von der neugewonnen Erkenntnis aus zu beleuchten (....) Ist es nicht schon a priori das einzig Denkbare, daß derjenige, der seine messianische Parusie in Bälde erwartet, in seinem Handeln nicht von dem natürlichen Gang der Ereignisse, sondern nur von jener Erwartung bestimmt wird? Das chaotische Durcheinander in den Berichten hätte darauf führen müssen, daß hier die vulkanische Natur eines unermeßlichen Selbstbewußtseins, nicht irgendwelche Nachlässigkeit oder Manier in der Überlieferung, die Ereignisse durcheinander geworfen hat.“

Nicht nur in dem was über sein Wirken, sondern auch in dem was über seine Herkunft berichtet wird, herrscht Durcheinander, denn in den synoptischen Evangelien finden sich eine Vielzahl von scheinbaren Widersprüchen. Und es erstaunt, daß nicht versucht wurde, diese im biblischen Kanon in Einklang zu bringen. Da dieser Versuch nicht unternommen wurde, kann man mutmaßen, daß die Kenntnis der Überlieferungen keinen Anlaß dafür bot, daß also kein tatsächlicher Widerspruch gegeben war. So ging G. Vermes beispielsweise davon aus, die beiden voneinander abweichenden Abstammungslisten basieren auf verschiedenen Versionen damals noch im Umlauf befindlicher Ahnentafeln. Denn:
- bei Matthäus heißt es: …Jakob war der Vater von Josef, dem Mann Marias, von ihr wurde Jesus geboren.
- bei Lukas hingegen steht: Jesus war etwa dreißig Jahre alt, als er zum ersten Mal öffentlich auftrat. Man hielt ihn für den Sohn Josefs.
  Die Vorfahren Josefs waren: Eli,..... (Aufzählung rücklaufend)

M. Hesemann hält Eli für die Abkürzung des Namens Eljakim, dessen synonyme Variation Jojakim gräzisiert und später latinisiert zu Joachim wurde, dem Namen des Vaters der Maria. Bereits F. Rienecker hatte die Unterschiede in den Abstammungslisten mit den alttestamentlichen Regelungen für Erbtöchter in Zusammenhang gebracht. Denn sofern keine Söhne vorhanden sind, ist nach Numeri 27/8 der Erbbesitz auf die Töchter zu übertragen. In einem solchen Fall muß die Tochter gemäß der Erbrechtsbestimmungen (Numeri 36) „einen Mann aus einer Sippe ihres väterlichen Stammes heiraten, damit bei den Israeliten jeder im Erbbesitz seiner Väter bleibt.“ Der Angetraute wurde damit rechtlich gleichermaßen Erbsohn des verstorbenen Schwiegervaters. Es ist darum anzunehmen, daß Matthäus, der im Stammbaum die Vorväter und auch einige Mütter benennt, die biologische Abstammung Josefs aufführt und hingegen Lukas die sich aus der Heirat ergebenden rechtlichen Vorfahren und damit den Stammbaum Marias auflistete. Für die Evangelisten hatten darum beide Versionen ihre Berechtigung und stellten keinen Widerspruch dar.

Daraus ergeben sich aber noch weitere Aspekte. Nach obiger Annahme muß Maria also Erbtochter gewesen sein. Dies wird im apokryphen Protevangelium des Jakobus bestätigt. Denn dort wird berichtet, daß sie das einzige Kind ihrer Eltern Anna und Joachim gewesen ist und ihr Vater ein wohlhabender Viehzüchter war, der aus Freude über die späte Empfängnis seiner Frau, große Geschenke darbrachte: „Und Joachim war hinabgezogen und hatte seine Hirten gerufen und geheißen: Bringet mir zehn Lämmer hierher, ohne Makel und Fehl! Die sollen dem Herrn meinem Gott gehören. Und bringt mir zwölf zarte Kälber! Die sollen für die Priester und die Ältestenschaft sein. Und hundert Ziegenböcke für das ganze Volk!“ Nicht zuletzt ließe sich damit erklären, warum Maria und Josef zur Steuererhebung von Nazareth nach Bethlehem gingen. Denn antike Steuererklärungen, wie man sie in Israel und Ägypten gefunden hat, belegen, daß sich Landbesitzer, wie Maria und Josef, tatsächlich am Ort der Ländereien und nicht an ihrem Wohnort in die Steuererklärungen eintragen lassen mußten.

Vor allem die Angaben zur Geburtsgeschichte sind immer wieder in Zweifel gezogen worden. Die als unstimmig gewerteten Aussagen, daß die Geburt stattfand, als Herodes herrschte (Matthäus) und gleichzeitig Quirinius Statthalter von Syrien war (Lukas), konnten durch einen archäologischen Fund als zutreffend belegt werden. Auf einer Münze ist ein Quirinius angegeben, der von 11 v.Ch. bis 4 v.Ch. Prokonsul von Syrien und Kilikien war. Auch für die Historizität einer in diesem Zeitraum in Judäa durchgeführten Steuererhebung gibt es mehrere Anhaltspunkte. Es deutet also vieles darauf hin, daß die Evangelien historisch zuverlässiger sind als lange angenommen.

Dennoch sind viele am historischen Jesus nicht interessiert, was nicht verwundert, denn für Christen ist damit die "Gefahr" verbunden, daß er nicht der ist, den sie sich vorstellen. Schweitzer schrieb dazu: „Der wirkliche Jesus kann sich aber in seiner ganzen Vorstellungswelt als so zeitlich bedingt erweisen, daß unsere Beziehung auf ihn zu einem Problem wird (….) Diejenigen, die seine Geschichtlichkeit verteidigen, müssen die Tragweite des Unternehmens im voraus überschauen und sich darüber klar sein, daß sie seine Existenz an sich, nicht die der religiösen Autorität, die ihnen für ihre Theologie gerade erwünscht ist, zu erweisen unternehmen. Sie haben mit der Möglichkeit zu rechnen, daß sie für die historischen Rechte einer Persönlichkeit eintreten, die sich vielleicht ganz anders erweist, als sie sich bei der Verteidigung vorstellen. Es könnte sein, daß Jesus das, was sie von ihm erwarten, nicht zu leisten im Stande wäre und eine Religiosität, die ihn für sich in Anspruch nehmen wollte, in die größten Schwierigkeiten brächte.“

Warum? Weil sein Wirken und Selbstverständnis, wie aus den Texten deutlich wird, ausschließlich jüdisch und vor allem eschatologisch war und mit dem von Paulus gegründeten Christentum nicht im geringsten gleichzusetzen ist. Schweitzer: "Und zwar stirbt er nicht, damit einer oder der andere darauf hin in das Reich Gottes komme, sondern er leistet die Sühne, damit das Reich selber komme." Ihm ging es keineswegs um die diesseitige Welt und Sündenvergabe zum späteren Heil, sondern um eine im wahrsten Sinne des Wortes „neue“ Welt, um das Herbeizwingen des Reich Gottes. Er sah sich als Erfüllungswerkzeug der apokalyptischen Erwartungen, ergo als Herausforderer und Bringer des Eschaton, der Vollendung des göttlichen Planes. Die Suche nach dem historischen Jesus führt darum nicht zum christlichen „Herrn Jesus“ sondern zum Rabbi Jehoschua Ben Joseph. Doch auch völlig ungeachtet dieser Erkenntnis, hat die Christenheit dem Judentum bis heute nicht verziehen, daß „ihr Erlöser“ Jude war.