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Solche und solche ...
09.11.2014

Fünfundzwanzig Jahre ist es her, daß die innerdeutsche Grenze fiel – ENDLICH! Obwohl, in „den Westen“ wollte ich nie. Vielmehr empfand ich die Unfreiheit an sich bedrückend. Vor Wut bin ich weder gen Osten ins erlaubte Ausland noch an die Ostsee gefahren. In diesem Jahr war ich das erste Mal in meinem Leben auf Rügen. Meine erste Reise damals ging nach Israel. Mittlerweile ist eine Generation herangewachsen, die es sich gar nicht mehr vorstellen kann, wie ein ganzes Volk hinter Mauer und Stacheldraht von der Außenwelt isoliert werden konnte. Und das Merkwürdige, auch man selbst kann es sich kaum noch vorstellen. Gewohnheit kommt schnell. Man vergißt darüber das fast Unglaubliche, was damals geschah. Der Zerfall eines diktatorischen Staatssystems, der, dank Michail Gorbatschow, ohne Blutvergießen vonstatten ging und, daß wir Zeugen eines so bedeutenden Ereignisses sein konnten. Heute wird es als Friedliche Revolution bezeichnet. Allerdings, die Mehrzahl der damaligen Demonstranten schloß sich erst an, als mit ziemlicher Sicherheit kein Eingreifen der russischen Streitkräfte zu erwarten war. Einer, der bereits am Anfang dabei gewesen ist und vorübergehend verhaftet wurde, erzählte später rückblickend: Erst haben wir gerufen „Schließt euch an, wir brauchen jeden Mann“, und dann haben sie´s getan – um Himmels Willen. Ja, dann gingen sie mit, auch die, die eigentlich nicht gemeint waren. Die üblichen Mitläufer und Bonzen, die hofften, im Strom der Geschichte untertauchen zu können. Würde man heute fragen, waren natürlich ALLE seit eh und je im Widerstand. So ist es immer. Nach 1945 gab es in ganz Deutschland auch keinen Nazi mehr bzw. hatte es nie einen gegeben. Erstaunlich ist nur, mit welcher Selbstverständlichkeit manche Leute davon ausgehen, daß ihre Mitmenschen komplett unter Amnesie leiden.

So kannte ich einen Offizier der NVA, der, stets lamettadekoriert, des öfteren, mit entsprechendem Seitenblick, sein Mißfallen darüber verkündete, daß es keine flächendeckende Parteizugehörigkeit in der Bevölkerung gab und der im Herbst 1989 lauthals tönte, die Demonstrationen seien lachhaft und wären binnen Kurzem sowieso erledigt. Im Herbst 1991 erschien er, nach einer Amerikareise, zu einer Veranstaltung mit einem Schlips, den das Sternenbanner zierte und gesellte sich in der Pause zu einer kleinen Runde, in der ich auch stand. Meine Frage: Was denn, Genosse …. mit der Fahne des Klassenfeindes um den Hals?, erwiderte er mit einem etwas debil wirkenden Grinsen, holte tief Luft und begann über seine Reiseerlebnisse zu reden.

Ab 1990 hatte ich das zweifelhafte Vergnügen einen, wie es in der „Zone“ üblich war, personell vollkommen überdimensionierten Betrieb, durch Kündigungen auf ein wirtschaftlich gesundes Maß zu reduzieren. In einem der Arbeitsrechtsverfahren saß mir eine gekündigte Mitarbeiterin mit einem Anwalt gegenüber, dem vormals, als Kreisgerichtsdirektor, der Ruf besonderer Linientreue anhaftete. Bei dieser Kündigung war mir ein Formfehler unterlaufen, weshalb ich ich sie zunächst widerrufen und anschließend, zur Wahrung der erforderlichen Fristen, sofort erneut ausgesprochen hatte. Der Anwalt lächelte mich an und sagte: Frau Schrey, kommen Sie sich nicht komisch vor eine Kündigung auszusprechen, dann zu widerrufen und wieder auszusprechen. Ich lächelte zurück und antwortete: Herr …. , solange SIE sich nicht komisch vorkommen, wenn SIE hier noch sitzen, müssen sie sich um mich keine Gedanken machen. Seine Mandantin erschien beim nächsten Termin mit einem anderen Anwalt.

Aber, es gibt immer solche und solche – nur, leider, mehr solche. Doch wirklich überzeugte Kommunisten hat es auch gegeben. Zwar nicht viele, aber immerhin. Zumindest bin ich zweien oder dreien begegnet, von denen ich es jedenfalls vermuten würde. Darüber hinaus kam im Sommer 1990 eine Frau zu mir ins Büro, ehemals Kaderleiterin in einem Betrieb, in dem ich hin und wieder zu tun hatte. Wir kannten uns kaum, hatten nur ab und zu ein paar Worte gewechselt und so erstaunte es mich, als sie um ein Gespräch bat. Sie setzte sich und sagte, daß sie ja wisse, daß ich keiner Partei angehört habe und ob ich sie trotzdem verstehen könne. Das Parteibuch sei ihr (wörtlich) heiligster Besitz gewesen, niemals hätte sie sich vorstellen können, es freiwillig herzugeben, doch jetzt brenne es förmlich in ihren Händen und sie möchte es weit von sich werfen. Diese Frau, ca. 30 Jahre älter als ich, saß da, klagte mir ihr Leid und weinte so bitterlich, daß ich sie in den Arm nahm. Nein, verstehen konnte ich es nicht, weil ich grundsätzlich keinen Sinn dafür habe, wie man sich über eine Partei bzw. Ideologie identifizieren kann. Aber das habe ich ihr nicht gesagt, weil ich dennoch verstand, daß sie ihr Leben plötzlich als völlig sinnlos wahrnahm, als ein an ein falsches Ideal vergeudetes Leben.

Mehrere Jahre habe ich Trauerreden gehalten. Manchmal nach 1989, wenn mir die Angehörigen über die/den Verstorbene/n berichteten und man am Werdegang erkennen konnte, daß der- oder diejenige sich mit dem früheren Staat ganz gut arrangiert hatte, drängte sich die Vermutung auf, der Systemwechsel habe zum Ableben beigetragen. Zuweilen wurde es von den Angehörigen auch so angedeutet. Natürlich, der Tod sucht sich eine Ursache, sie starben an Krankheiten. Aber für einige war tatsächlich die Welt zusammengebrochen, ihre Welt, und aus den Scherben wuchsen Selbstzweifel, Scham und Existenzangst. Andere, wie gesagt, eröffneten eine Anwaltskanzlei oder reisten nach Amerika.