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Von Zeichen und Wundern
24.06.2014

Da ich keiner Religion angehöre, schenke ich internen kirchlichen Belangen selten Beachtung. Insofern nehme ich üblicherweise auch Papstwahlen nur am Rande war. Anders bei der Wahl des jetzigen Papstes Franziskus. Dieser Mann, der im März 2013 in einer schlichten, weißen Soutane den Balkon des Petersdoms betrat, war mir sofort sympathisch und er erinnerte mich an den von Anthony Quinn verkörperten Papst Kiril in dem Filmdrama „In den Schuhen des Fischers“.

Im Mai diesen Jahres ist Papst Franziskus in den Nahen Osten gereist und besuchte u.a. Israel. Es war eine Pilgerreise, aber auf einem derart politischen Terrain wird natürlich jedes Wort und jede Geste auch politisch gewertet. Bei Israel Besuchen von Politikern ist es darum obligatorisch, daß sie - mit einem direkten oder indirekten Fingerzeig auf Israel - den Frieden in Nahost „anmahnen“. Das ist ungefähr so, als wäre man bei jemandem zu Besuch, der mit seinem Nachbar im Streit ist und man stellt sich auf die Straße und verkündet laut, wie böse sich doch derjenige, bei dem man zu Gast ist, gegenüber seinem Nachbarn verhält, wenn er sich dagegen wehrt, daß ihn dieser ständig mit Terrorakten attackiert. Niemand würde das für angemessen halten, nur wenn der Gastgeber Israel ist, dann maßen sich Hinz und Kunz an, so zu handeln. Denn wenn man offiziell in Israel weilt, ist man sozusagen per se als „Friedensstifter“ unterwegs. Ohne näher auf die Hintergründe des Nahostkonflikts eingehen zu wollen, bleibt festzustellen, daß dieser tatsächlich zu komplex ist, um mal eben so im Vorbeigehen als Außenstehender einseitig! Frieden anzumahnen.

Ganz anders verhielt sich Papst Franziskus, der bei seinem Aufenthalt weder gegenüber den Palästinensern noch gegenüber Israel mit einem überheblichen Friedenseifer auftrat. Vielmehr blieb er außerplanmäßig an der israelischen Sperranlage bei Bethlehem stehen, um dort vor einem "Free Palestine"-Graffito innezuhalten, legte als erster Papst in der Kirchengeschichte einen Kranz am Grab von Theodor Herzl nieder und verweilte anschließend am Denkmal für die Opfer palästinensischer Terroristen. Auf dem Tempelberg fand eine Begegnung mit dem wegen Aufrufen zur Gewalt umstrittenen Großmufti von Jerusalem statt, er traf den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, umarmte sich vor der Klagemauer mit seinem Freund, dem Rabbiner Abraham Skorka aus Buenos Aires und dem Vertreter der islamischen Gemeinschaft in Argentinien Omar Abboud und schließlich unterließ er es, in der Gedenkstätte Yad Vashem eine Rede im sonst üblichen und oftmals geheuchelten Betroffenheitston zu halten, sondern meditierte anhand des Leides der Shoah unter Verwendung von Bibeltexten darüber, wozu der Mensch fähig ist.

Dieser Papst ist ein Mensch und Christ, dem man den Wunsch und die Hoffnung auf eine Welt in der Menschlichkeit und Frieden herrschen abnimmt, mehr noch: der diesen Wunsch und diese Hoffnung lebt. Mit solchen Männern, insbesondere Päpsten, ist die Geschichte des Christentums nicht gerade gesegnet, darum sollte man mutmaßen, daß die katholischen Christen über einen solchen Bischof von Rom erfreut sind.

Und dann stolpere ich doch im Internet über das „Magazin für Kirche und Kultur“, welches am 28.05.2014 den Kommentar eines – anonymen! - Priesters veröffentlichte mit der Überschrift: Was für eine Theologie vertrat Papst Franziskus in Yad Vashem? Im darauf folgenden Beitrag ist es diesem „anonymen Priester“ zunächst wichtig!: „sich der Empörung anzuschließen, die der Papst über den Mord an den Juden in den Konzentrationslagern während des Zweiten Weltkrieges zum Ausdruck brachte.

Sodann meint er: „Dennoch bieten einige Aussagen des Papstes, mögen sie auch mit noch so guter Absicht ausgesprochen worden sein, vielleicht auch um bestimmten Erwartungen entgegenzukommen, Anlaß zu möglichen Mißverständnissen. Am Montag sagte Papst Franziskus in Yad Vashem wörtlich:
„Adam, wo bist du?“ (vgl. Gen 3,9).
Wo bist du, o Mensch? Wohin bist du gekommen?
An diesem Ort, der Gedenkstätte an die Shoah, hören wir diese Frage Gottes wieder erschallen: „Adam, wo bist du?“ In dieser Frage liegt der ganze Schmerz des Vaters, der seinen Sohn verloren hat. Der Vater kannte das Risiko der Freiheit; er wusste, dass der Sohn verlorengehen könnte… doch vielleicht konnte nicht einmal der Vater sich einen solchen Fall, einen solchen Abgrund vorstellen! Jener Ruf „Wo bist du?“ tönt hier, angesichts der unermesslichen Tragödie des Holocaust wie eine Stimme, die sich in einem bodenlosen Abgrund verliert…
(Hier der gesamte Text)

Den nächsten Abschnitt überschreibt die Redaktion mit dem Titel: „Gewagte heterodoxe Exegese“ und in diesem gibt der „anonyme Priester“ folgendes kund (Hervorhebungen von mir): „Ich erlaube mir demütig darauf hinzuweisen, daß Gott, wenn Er im Buch Genesis diese Frage stellte, sicher weder an die Shoa noch an Yad Vashem dachte. Eine solche Exegese ist mehr als nur ein heterodoxes Wagnis“.

Und weiter: „Zu behaupten, wie Papst Franziskus in Yad Vashem, daß „vielleicht nicht einmal der Vater sich einen solchen Fall, einen solchen Abgrund“ der Menschheit „vorstellen“ konnte, stellt eine noch demonstrativere und offenkundigere Häresie dar. Gott weiß alles, was Papst Bergoglio zumindest aus dem Katechismus wissen sollte. Zu behaupten, daß Gott gar vorschnell war, dem Menschen den freien Willen zu schenken, weil Er sich die Konsequenzen „vielleicht nicht vorstellen konnte“, ist eine geradezu obszöne Häresie und vor allem eine Blasphemie.“

Also: wenn Gott alles weiß, dann ist doch wohl nicht auszuschließen, daß er bei der Frage im Buch Genesis durchaus (ob nur oder auch bleibt dahingestellt) an die Shoa gedacht haben könnte! Blasphemisch ist es vielmehr, wenn dieser „anonyme Priester“ sich sicher ist, daß er es nicht tat. Dem Papst aber Blasphemie und obszöne Häresie vorzuwerfen, darauf muß man erst mal kommen! Als Nicht-Christin kann ich das nicht nachvollziehen, dazu muß man wohl das katholische Dogma „besonders“ verinnerlicht haben. Dann verheddert sich das Priesterlein auch noch in der Trinität. Gut, das ist wirklich eine äußerst komplizierte Sache, aber er schreibt (Hervorhebungen von mir): „Ich erlaube mir ebenso demütig darauf hinzuweisen, daß Gott Seine Frage an den Menschen richtet und nicht an den Sohn (gerade weil der Singular gebraucht wird), denn der (einzige) Sohn des Vaters (die Dreifaltigkeit sollte für einen Papst ausreichend präsent sein) ist Christus. Der Mensch aber ist ein Adoptivsohn Gottes und nicht des Vaters, verstanden als erste göttliche Person.“ Das hört sich nicht wirklich nach der Hypostase des christlichen Dogmas an, sondern eher nach einer „Vierfaltigkeit“, welche bereits 1215 auf dem 4. Laterankonzil als Irrlehre verworfen wurde.

Doch es kommt noch „besser“: „Für die jüdische Theologie ist Gott weder dreifaltig noch gilt die Adoption für alle Menschen, sondern nur für ein Volk, nämlich das ihre. Das aber definiert sich seit zweitausend Jahren aus der Ablehnung Jesu Christi und damit Gottes. Theologisch betrachtet kann aus dieser Ablehnung schwerlich Segen erwachsen. Vertrat der Papst in Yad Vashem eine jüdische Theologie statt der christlichen?

Wußt ich´s doch, die Juden sind selbst Schuld an der Shoa und der Papst vertritt sogar ihre Theologie. Zu guter Letzt erlaubt sich das Priesterlein, „wenn auch nur am Rande“ und wie anzunehmen ist in aller Demut: „darauf hinzuweisen, daß der „bodenlose Abgrund“ des Rassismus und des Staatsterrors, den Israel gegen die ursprüngliche einheimische Bevölkerung des Heiligen Landes, aber auch gegen die heutige Bevölkerung der besetzten Gebiete, des Gaza-Streifens und des Westjordanlandes betreibt, dem Vater und der ganzen Allerheiligsten Dreifaltigkeit nicht weniger bekannt ist. Aber „vielleicht“ ist Papst Bergoglio darüber nicht informiert, obwohl er an der neuen „Klagemauer“ stand, die der Staat Israel errichtet. Statt ein Wort über die Vertreibung, Unterdrückung und Bedrängung der Christen durch Israel zu verlieren, oder insgesamt der Menschen im Heiligen Land, legte der Papst Blumen auf dem Grab des Gründers des Zionismus nieder. Auch das ein zweifelhafter Akt, den die neuen Papaboys aber nicht sehen wollen.

Abgesehen davon, daß dieser Wadenbeißer offenbar wirklich Probleme mit dem christlichen Glaubensverständnis hat, wenn er vom „Vater und der ganzen Allerheiligsten Dreifaltigkeit“ fabuliert, ist es um seine politischen Kenntnisse noch schlechter bestellt. Denn über den „„bodenlose(n) Abgrund“ des Rassismus“, mit welchem bis heute in der Hamas Charta die völlige Vernichtung Israels und aller Juden proklamiert wird, scheint er ebenso wenig informiert zu sein wie über den damit verbundenen palästinensischen Terrorismus. Unter diesen Voraussetzungen käme Frieden in der Region einem Wunder gleich. Doch wie David Ben Gurion sagte: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“. Das Neue Testament ist übrigens voll von Wundern. Es stellt sich allerdings die Frage, ob „Christen“ wie der „anonyme Priester“ es schon mal gelesen haben und falls ja, woran es liegt, daß sie es nicht verstanden haben.

Nach seiner Rückkehr traf sich Papst Franziskus mit Israels Staatspräsident Schimon Peres und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas zu einem gemeinsamen Friedensgebet im Vatikan. Selbst denjenigen, die Gebeten keine Bedeutung beimessen und nicht an Wunder glauben, kann dies womöglich ein wunderbares Symbol sein. Und, wer weiß, vielleicht gibt es ja irgendwann ein blühendes Gaza, wo die Kinder davon träumen Fußballstar zu werden und nicht Märtyrer, ein glanzvolles Tel-Aviv, wo junge Leute ohne Angst vor Attentaten im Restaurant sitzen können und ein hoffnungsvolles Jerusalem, wo alle in Frieden zum Gebet gehen. Vielleicht.... Shalom – Inschallah

Ach ja, ein Wunder habe ich auch noch gefunden. In Uruguay gibt es einen Mann namens José Mujica, der auf über 90 % seines Gehaltes verzichtet. Darüber könnte man sich an und für sich schon wundern, aber erst recht, wenn es sich um den Präsident von Uruguay handelt.